Energierevolution
Artikel von: Jean-Pierre Geets, Julie Van Rossom (Quelle : Research EU – Magazin des europäischen Forschungsraums)
Morgen ist ein anderer Tag
Es ist eine Tatsache: Unsere Regierenden tun sich damit schwer, heute wirksame Vorbereitungsmaßnahmen zu erlassen, um den Weg für den Übergang zu neuen Energieformen von morgen zu ebnen. Und was ist, wenn sie es gar nicht schaffen?
Voll gegen die Wand
Die Menschheit befindet sich in einer Sackgasse“, erklärt David Wasdell, internationaler Koordinator des Meridian Programme und Prüfer der IPCC-Berichte. Er ist Spezialist für die Dynamik des Klimawandels. „Einerseits neigt sich das Zeitalter der grenzenlosen Energie dem Ende zu. Die Nachfrage steigt, während die Energiequellen versiegen und die Erdölfördermethoden immer teurer werden. Andererseits produzieren wir zu viel CO2, gerade weil wir Kohlenwasserstoffe als Hauptenergiequelle vorziehen. Es ist jetzt an der Zeit, die wahre Natur der Kohlenwasserstoffe zu erkennen. Giftig und zukunftslos kann man sie nicht mehr als eine begrenzte Ressource ansehen, die es zu verteilen gilt, sondern als echte Bedrohung für die Menschheit.“
Aber soll der „Markt“,
wie es manche formulieren, nicht die Preise regulieren? „Sicherlich
würde die Nachfrage schließlich sinken, denn niemand könnte sich den
Kauf von Erdöl mehr leisten, was wiederum eine Preissenkung nach sich
ziehen würde. Aber wahrscheinlich wäre es auch zu spät, da die massiven
Arbeitsplatzverluste die Zivilgesellschaft zu diesem Zeitpunkt mehr in
Atem halten würden als die Benzinpreise. Man muss endlich damit
aufhören, sich nur auf den Ölpreis zu fixieren, und sich auf die Folgen
konzentrieren, die auftreten, wenn das Öl einmal ausgegangen ist“,
warnt Strahan. Für ihn birgt die Ölverknappung die Gefahr eines
vollständigen Zusammenbruchs unserer Wirtschaft in sich, solange diese
Ressource mit allen möglichen menschlichen Aktivitäten verwoben ist,
wie dem Handel, der industriellen Produktion oder sogar bereits mit der
Fahrt zum Arbeitsplatz. „Das Erdöl ist so fest in unseren
Gesellschaften verankert, dass eine Versorgungsbeschränkung zu einer
schweren Rezession führen könnte.“Sicher, der Energiepreis
wird steigen, aber bietet die Lage bereits Anlass zur Sorge?
„Vielleicht sehnen wir uns eines Tages nach dem Barrelpreis von 100
US-Dollar zurück, denn dieser droht schließlich auf 200 US-Dollar zu
steigen“, warnt David Strahan, für den dieser Höhenflug des
Erdölpreises eine drastische Erhöhung aller Preise nach sich ziehen
könnte, gefolgt vom Verlust von Arbeitsplätzen, einem Absturz der
Kaufkraft und der Stagnation der Produktion. Und für die Wirtschaft
würde ein äußerst dunkles Zeitalter beginnen.
Strukturelle Kurzsichtigkeit
Vielleicht ist die
Lebensdauer unserer Demokratien von Natur aus viel zu kurz, um
langfristige Herausforderungen anzugehen. Manche schätzen, dass die
Fundamente des demokratischen Systems selbst die Umsetzung kohärenter
Maßnahmen behindern. „Politiker sind oft unfähig, eine langfristig
wirksame Vision tatsächlich zu verabschieden. Dies ist im Wesentlichen
auf die Natur des Wahlsystems selbst zurückzuführen“, meint Simon
Cooper, Gründungsmitglied von Converging World, einer
britischen Vereinigung, die umweltfreundliche Energieprojekte in
Entwicklungsländern finanziert. „Kein Politiker würde seine Aussichten
auf eine Wiederwahl durch die Einführung unpopulärer Maßnahmen
gefährden. Da eine langfristige Maßnahme gezwungenermaßen nur geringen
Anreiz bietet, konzentrieren sich die öffentlichen Behörden
systematisch auf kurzfristige Maßnahmen.“ In den Augen vieler
könnte ein derartiger Zusammenbruch der Wirtschaft das kollektive
Bewusstsein wecken und zu einem radikalen Wandel unseres Lebensstils im
Rahmen einer nachhaltigeren Perspektive führen. „Ich glaube, dass
dieses Argument ein wenig vereinfachend ist“, antwortet Strahan. „Denn
außer dem Öl haben wir noch Erdgas und Kohle, deren Verbrauch sich
erhöhen würde und damit die Treibhausgasemissionen, die das Problem
noch weiter vergrößern. Und sollte das Ölfördermaximum den erwarteten
Zusammenbruch der Wirtschaft auslösen, würde das Kapital, also alle
Reichtümer, auf einmal verschwinden. Woher würden dann die notwendigen
Investitionen kommen, um eine völlig neue Energieinfrastruktur
aufzubauen? “Könnten unsere
Regierenden eine solche Bedrohung im Vorfeld angehen und den Weg für
einen sanften Übergang zu einer Gesellschaft ohne Kohlenwasserstoffe
vorbereiten? Die IEA sieht das recht pragmatisch. „Es gibt drei
Möglichkeiten, um die Innovation auf nationaler Ebene herbeizuführen“,
schätzt Carrie Pottinger. „Die erste Voraussetzung ist ein robustes
Hochschulumfeld. Die zweite Zutat ist ein größerer Transfer der
FuE-Ergebnisse von den Hochschulen in die Privatwirtschaft. Durch die
Finanzierung besonders zielgerichteter Forschungen können die für
Innovation notwendigen technologischen Durchbrüche beschleunigt werden.
Und das letzte Element ist eine konsistente und klare Regierungspolitik
mit langfristiger Ausrichtung.“ Ein Zeitraum, der sich in diesem Fall
weit über das Mandat pro tempore unserer politisch
Verantwortlichen hinaus erstreckt. „Das ist angesichts der Natur
unserer Demokratien und der sich abwechselnden Prioritäten und Menschen
eine wirkliche Herausforderung“, fährt Carrie Pottinger fort. Manche Politiker stimmen
dieser Feststellung sogar zu. „Probleme wie das Ölfördermaximum und die
Klimaerwärmung, die eine auf lange Sicht geplante Antwort benötigen,
machen den Regierenden Angst, da sie sich nicht sicher sind, wie sie in
solchen Situationen handeln sollen“, erklärt Jonathan Porritt,
Präsident des Ausschusses für nachhaltige Entwicklung des
Vereinigten Königreichs. „Die Politiker werden in einer Krise erst dann
handeln, wenn das Ölangebot plötzlich sinkt und dies eine spektakuläre
Preiserhöhung nach sich zieht.“
Wie kommt man da raus?
Eine solche Situation würde der Demokratie einen Schlag versetzen. „Aus makroökonomischer Sicht glaube ich nicht, dass das Ölfördermaximum einem demokratischen System von Nutzen sein könnte. Es eignet sich in Wirklichkeit nur begrenzt dafür, den Rahmen für die notwendigen Veränderungen zu bilden, um dieser Krise zu begegnen. Wodurch sich andererseits auch erklären lässt, weshalb alle politischen Maßnahmen in dieser Sache scheitern. Jetzt ist ein ganzes Arsenal an Szenarien möglich, von der Stärkung des Aktivismus der Lokalgemeinschaften bis hin zu einer Form des Autoritarismus der Zentralregierung. Man könnte sich sogar eine Kombination aus beiden vorstellen.“
Kann die Lösung dann aus der Zivilgesellschaft kommen? Für Simon Cooper „reicht die politische Aktion nicht aus. Nur individuelle Initiativen, die gemeinsam abgestimmt und auf der Ebene der Gemeinschaft vorangetrieben werden, können zu richtigen Lösungen führen.“ Zum Beispiel finanziert seine Organisation über die finanzielle Hilfe von Privatunternehmen aus reichen Ländern Projekte in Entwicklungsländern. Für ihn kann einzig und allein die individuelle Maßnahme die Mängel der politischen Entscheidungen ausgleichen. Aber wird dies ausreichen? Jonathan Porritt zweifelt daran. „Soziale Bewegungen, die auf lokaler Ebene entstehen, können meines Erachtens nur einen sehr begrenzten Einfluss ausüben.“ Strahan gesteht ein, dass die künftige Lage sehr besorgniserregend ist. „Aber ich hege dennoch die Hoffnung, dass sich durch das Ölfördermaximum soziale Bewegungen auf lokaler Ebene bilden werden, damit die Menschen gemeinsam mit ihren Nachbarn ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen können.“
Eines ist jedoch sicher: Das Ölfördermaximum und, langfristig gesehen, der Klimawandel werden das Gesicht unserer Welt erheblich verändern. Wir müssen uns so gut wie möglich auf diesen unglaublichen Umbruch vorbereiten. David Wasdell fasst das folgendermaßen zusammen: „Auf einem Kohlkopf sitzen zwei Raupen. Ein Schmetterling fliegt an ihnen vorbei. Die eine Raupe sagt zu der anderen: Du wirst mich niemals auf einem dieser Dinger erwischen! – Ich glaube, dass die Welt von morgen sich von der heutigen genauso unterscheiden wird wie Raupen von Schmetterlingen.“
Niemand weiß, wie weit seine Kräfte gehen,
bis er sie versucht hat.